Wasser predigen und selbst nicht aufpassen

Ich kenne die Weise
Ich kenne den Text
Ich kenn‘ auch die Herren Verfasser
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.
(H.Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen)

Updates vom Oktober 2012, Mai  2012 und September 2011 – siehe ganz am Schluss.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte es getrommelt und gepfiffen:

Mit der wachsenden Popularität von eBooks  –  also auf Computern, Smartphones, Tablet-Rechnern und dedizierten eReadern (mit eInk-, Sipix- oder anderen besonderen Displays) lesbaren Dateien, die Buchtexte beinhalten –  werde man gegen „Buchraubkopierer“ oder „Buchpiraten“ die die Urheber- und Verwertungsrechte von Autoren und Verlagen verletzen, hart und unnachgiebig vorgehen.

Nun ist das mit dem Urheberrecht so eine Sache, denn auch die Vermarkter sind zur Vorsicht aufgerufen und sollten prüfen, was sie denn so alles anbieten.

Auf den Verkaufsportalen von thalia.de und buch.de (letztere stehen auch hinter dem thalia.de – Webauftritt, vgl. Impressum) finden sich unter anderem auch Werke als eBook, die mit dem Hinweis „Erschienen bei Project Gutenberg“ versehen und zum Preis von 0,49 EUR je Titel zu erwerben sind.

Bei dem in den USA beheimateten Project Gutenberg (nicht zu verwechseln mit dem deutschen Projekt Gutenberg!) handelt es sich um eine Sammlung von „Retrodigitalisaten“ ,  von nach dem Urheberrecht der USA gemeinfreien bzw. von den Rechteinhabern freigegebenen Texten.

Dort werden also Buchdateien eingestellt, die durch das Einscannen von Buchseiten und Bearbeitung der eingescannten Seiten durch unentgeltlich arbeitende und ihre Freizeit einbringende Freiwillige entstanden sind und bei Project Gutenberg unentgeltlich heruntergeladen und dann gelesen werden können.

Project Gutenberg weist auf seiner Website mit dem Text

„Our ebooks are free in the United States because their copyright has expired. They may not be free of copyright in other countries. Readers outside of the United States must check the copyright laws of their countries before downloading or redistributing our ebooks.“

allerdings darauf hin, dass eine Prüfung der Urheberrechtssituation durch die für die Organisation tätigen Juristen nur anhand des Urheberrechts der USA erfolgt und Personen, die außerhalb der USA leben, anhand der jeweils für sie jeweils gültigen nationalen Urheberrechtsnormen selbst prüfen müssen, ob ein Download legal ist oder nicht.

In den USA ist gegenwärtig eine Diskussion darüber entstanden, in wieweit es rechtlich und moralisch zulässig ist, wenn Dateien aus dem PG-USA durch Dritte in großem Umfange bei PG-USA „abgesaugt“ und unwissenden Kunden, etwa über den marktführenden eBook-Shop von Amazon, für gute Dollars verkauft werden, obwohl sie auch frei verfügbar wären. Darum soll es hier nicht weiter gehen. In der ganz überwiegenden Zahl der Fälle wird dies (leider) legaler „Dummenfang“ sein.

Dieses „Absaugen“ und der Verkauf der freien Arbeit Dritter ist nun allerdings auch nach Europa hinüber geschwappt. Damit entstehen interessante zusätzliche Probleme:

So wurde beispielsweise festgestellt, dass auch Werke des französischen Autors Maurice Leblanc, bekannt geworden als Erfinder des genialen Diebes „Arsene Lupin“, in englischer Übersetzung auf den Seiten von thalia.de und buch.de in der durch Project Gutenberg erstellten Fassung für 0,49 EUR je Titel zu kaufen waren.

Ist der Verkauf solcher Dateien in Deutschland zulässig?

Für die Werke von Leblanc gelten, gemäß der gegenseitigen Schutzbestimmungen der sogenannten Revidierten Berner Übereinkunft und den Regelungen der EU zum Urheberrecht in Deutschland, Schutzrechte entsprechend denen deutscher Autoren. Da Leblanc am 06.11.1941 verstarb ist nach den Regelungen der §§ 64, 69 UrhG die siebzigjährige Schutzfrist für seine Werke noch nicht verstrichen. Diese endet erst mit Ablauf des 31.12.2011. Die französischen Urtexte sind damit noch nicht gemeinfrei und dürfen in Deutschland nur vermarktet werden, wenn der Vermarkter dafür vorher durch die Rechteinhaber eine Lizenz erhalten hat.

Wie ist es nun mit den englischen Übersetzungen?

Nicht anders: Nach § 3 UrhG sind Übersetzungen zwar eigene Werke mit eigener Schutzfrist, sie lassen aber das Urheberrecht am Urtext (als Teil der Übersetzung) unbeeinträchtigt. Es entstehen mit der Übersetzung also zwei Urheberrechte am gleichen Werk, die parallel gelten. Da jedenfalls die Schutzfrist für den französischen Urtext noch nicht abgelaufen ist, ist festzustellen, dass schon aus diesem Grund ein unlizensierter Verkauf dieser Übersetzungen in Deutschland urheberrechtswidrig sein dürfte. Auf die Frage, ob noch eine weitere Lizensierung durch die Rechteinhaber für die Übersetzung erforderlich wäre kommt es insoweit gar nicht an. Diese dürfte (sofern der Übersetzer nicht vor dem Autor verstorben ist) aber sicher auch notwendig sein.

Auf diese Rechtsansicht aufmerksam gemacht hat die Rechtsabteilung der buch.de internetstores AG mir inzwischen mitgeteilt, dass der Lieferant dieser eBooks um Klärung gebeten wurde und die fraglichen Titel bis zur „Klärung der Rechtslage“ aus dem Sortiment entfernt worden seien.

Ich gehe einmal davon aus, dass es sicher noch weitere ähnliche Fälle gibt, die einer Prüfung harren.

Update vom 07.09.2011

Sehr geehrte Damen und Herren von buch.de internetstores AG,

wie sieht es eigentlich mit den Rechten an den Werken des Herrn Joyce, James, verstorben am 13. Januar 1941 aus?

Mr. Joyce war Ire und m.E. seinerzeit britischer Staatsbürger. Dementsprechend gilt auch für seine Werke in Europa jedenfalls noch bis zum Ablauf des 31.12.2011 Urheberrechtsschutz.

Da nimmt es etwas Wunder, dass auch Werke aus seiner Feder (die in den USA ja möglicherweise bereits gemeinfrei sein mögen, das ist hier nicht ausschlaggebend) als via Project Gutenberg „abgesaugte“ Dateien bei Ihnen im Shop als eBooks für 0,99 EUR/Download zum Kauf angeboten werden.

Irre ich mich bezüglich der Rechte? Anscheinend nicht. Gibt es dazu eine Stellungnahme?

Mit freundlichen Grüßen,

Buck

http://www.walfischbucht.wordpress.com

Update 23.05.2012

Sehr geehrte Damen und Herren von buch.de internetstores AG,

tja, was soll man dazu sagen?!

Mit freundlichen Grüßen,

Buck

Update 25.05.12 – Link entfernt, da er jetzt nicht mehr funktioniert. Er führte zu einem bei buch.de angebotenen Text von Stefan Zweig, der ebenfalls offenbar unter Verstoß gegen Lizenzregelungen dort eingestellt worden war. Man hat wohl bereinigt. – Stefan Zweigs Werke, auch sein deutscher Text „Brennendes Geheimnis“ von 1911, der da bei buch.de in einer jedenfalls nicht für Europa gedachten Fassung angeboten wurde, sind bald gemeinfrei. Das ist aber noch etwas mehr als acht Monate hin, denn er und seine Frau nahmen sich im Februar 1942 im Exil das Leben.

Update 05.10.2012

Hallo buch.de?

Ähem. Mal eingetippt auf der Suche nach eBooks bei buch.de:

Ernest Bramah, verstorben am 27. Juni 1942. Noch nicht gemeinfrei. Mir ist zwar über die Lizenzrechte nichts bekannt, aber ich äußere mal den begründeten Verdacht, dass das oben Gesagte auch hier gilt. Und stelle fest, dass man bei buch.de an den eigenen Hausaufgaben nicht interessiert ist. Und lieber eventuelle Anteilchen mitnimmt.

http://www.walfischbucht.wordpress.com

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2 Gedanken zu “Wasser predigen und selbst nicht aufpassen

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